diese seite wurde für die darstellung mit netscape communicator 4 oder ms internet explorer 4 mit aktivierter javascript-unterstützung optimiert.
b.o.f.h.
 
  bastard operator from hell  


Dank des technischen Fortschritts geht der B.O.F.H. unter die Filmemacher ...

Die Leute in der Chefetage wollen wieder neue Spielzeuge haben. Weil der Geschäftsführer einen Artikel über Video-Mail gelesen hat, ist er nun der Meinung, unserer Firma fehle etwas.
 
Natürlich bin ich über die immensen Möglichkeiten zur Anschaffung neuer Technik begeistert. Der Chefbuchhalter andererseits wirkte ziemlich besorgt, doch schließlich verlangte er keinen Kostenvoranschlag mehr, der mit Blut unterschrieben ist. Natürlich war er es, der versuchte, mich aus dem Prozeß der Technikbeschaffung herauszuhalten. Offenbar wurde er mißtrauisch, als ich das Wrack, das ich bis dahin fuhr, seinem brandneuen BMW in den Weg stellte - nun, genaugenommen stand der BMW im Weg, doch Bewegung ist ja relativ.
 
Ich rufe unseren Netzwerklieferanten an, um die Wünsche des Geschäftsführers zu erfüllen.
 
"Hallo, Netzwerk Express."
 
"Mein Name ist Farquarson. Könnte ich mit Jon sprechen?"
 
"Bitte warten sie einen Moment."
 
>Click<
 
"Guten Morgen, Herr ... ähm ... Farquarson. Ist die Leitung sicher?"
 
"Ja, keine Lauscher. Guten Morgen, Jon. Ich brauche ein paar Server."
 
"Kein Problem. Mit welcher Last sollen sie klarkommen?"
 
"Eine Riesenlast. Wir wollen Video-Mail einsetzen. Sie wissen schon, sie schreiben auf ein Grafiktablett, eine Kamera zeichnet alles auf und übersetzt die Worte in Töne."
 
"Nett. Dual-Pentium Pro 200, würde ich sagen?"
 
"Ähm ... für die Kosten muß ich mich nicht verantworten."
 
"Oh, gut! Dann wollen sie bestimmt, acht, zehn oder zwölf Prozessoren?"
 
"Zwölf sind in Ordnung. Und natürlich auch eine Menge Speicherplatz."
 
"40 GigaByte pro Server?"
 
"Wie bitte?"
 
"Ups, ich habe wohl eine Null übersehen."
 
"Gut. Ein halbes Gigabyte RAM müßte auch ausreichen - wir wollen ja nicht übertreiben. Wie hoch wäre der Schaden?"
 
"Hmmm ... Der Listenpreis liegt bei 62.995 Pfund pro Server."
 
"Und nach dem Erbsenzähler-Rabatt?"
 
"124.999 Pfund. Die Steuern kämen natürlich noch dazu. Ich nehme an, ihr Anteil soll auf das übliche Konto überwiesen werden?"
 
Pünktlich werden zwei Kisten geliefert. Der PJ hat die Server schnell installiert und schwirrt umher, um ein paar Dutzend Video-Mail-Tabletts, die wir in der vergangenen Woche in den Leitungsetagen verstreut haben, an das Netz anzuschließen.
 
Wir kehren zurück in unsere Netzwerk-Zentrale, wo der PJ gleich nach einer Quake-Sitzung die Konsole für das Video-Mail-System startet. Eine kurze E-Mail informiert den Administrator-Assistenten in unserem anderen Büro, bringt die Manager aus anderen Niederlassungen an ihre Rechner, und bald sehen wir auf der Kontroll-Konsole die Worte durch das WAN fliegen. Zufrieden lehne ich mich für einen Moment zurück und versuche, in die Haut eines psychopathischen Mörders zu schlüpfen, unglücklicherweise natürlich nur in einer virtuellen Welt.
 
"Sie haben das System offenbar begriffen - ich glaube, sie konkurrieren nun darum, wer die längste Video-Mail mit den meisten komplizierten Worten zusammenbauen kann." kommentiert der PJ, sorgfältig hinter der Mauer versteckt.
 
"Nun", antworte ich. "Sie sind Kinder mit neuem Spielzeug. Hoffentlich haben wir bald genug Material." sinniere ich.
 
"Material?"
 
"Oh, machen sie sich darüber keine Sorgen."
 
>BAMBAMBAMBAMBAM<
 
"Ha! Stirb, Trottel!"
 
Nach dem kurzen einstündigen Mittagessen kehren wir zurück. Ich inspiziere das Video-Mail-System und bin ziemlich überrascht, daß sie es geschafft haben, 40 Prozent des Festplattenplatzes in so kurzer Zeit zu verbrauchen. Doch da alles einem guten Zweck dient, stört mich das nicht weiter. Ich starte mein gutes altes Premiere und suche mir ein paar Dateien aus.
 
"Was haben sie vor?" fragt der PJ.
 
"Ich mache einen Film. Nach was sieht es denn ihrer Ansicht nach aus?"
 
"Einen Film? Worüber?"
 
"Über unseren Geschäftsführer. Ziemlich loyal, oder?"
 
"Sehr. Genau das macht mir Sorgen."
 
Es dauert eine Weile, bis ich mich wieder an die Bedienung des Programmes gewöhnt habe, doch bald sind die Video-Schnipsel hübsch zusammengeschnitten. Der PJ wirkt noch immer verwirrt und sucht das Weite, um irgendeinen Server in der Hoffnung abzuschießen, daß damit sein Geist etwas beruhigt wird. Eine Stunde später transferiert er die letzten Bits in den digitalen Mülleimer, während ich mich zufrieden zurücklehne.
 
Der PJ bemerkt mein befriedigtes Lächeln und kommt zu mir. Er wirft einen Blick auf den Notizzettel, auf dem ich ein paar Sätze aufgeschrieben habe.
 
"Jährliche Nachtwanderung mit Lagerfeuer ... Finanzdirektor ... Gerüchte besagen ... Wachschutz ... Tonstörungen ... Ziegenkäse als Vorspeise ... Was hat das zu bedeuten?" fragt er.
 
"Warten sie einfach ab. Das Telefon müßte gleich klingeln ... JETZT."
 
Er zuckt zusammen, als das Telefon klingelt.
 
"Hallo, Nutzerbetreuung hier. Wessen Zugangskonto wollen sie sofort gelöscht haben? Aber ist er nicht der Finanzchef? Okay, okay, ich will mich nicht mit ihnen streiten, ich bin nur überrascht, denn ich dachte, er sei auf Ewigkeiten mit der Schwester des Geschäftsführers verheiratet. Wer hat ihnen den Auftrag gegeben? Was, der Geschäftsführer höchstpersönlich? In einer Video-Mail ... wie passend."
 
Der PJ verabschiedet sich von unserem Administrator-Assistenten am anderen Ende, der selbstverständlich auch mit einer gewissen Prozentrate beteiligt wird und daher verschwiegen ist, und mustert mich neugierig.
 
"Haben sie etwas dagegen, mir den Film einmal vorzuführen?"
 
"Natürlich nicht."
 
Ich betätige den Abspielbutton, worauf der PJ den Geschäftsführer sieht, der den restlichen Managern mitteilt, daß einige der seltsamen Gewohnheiten des Finanzchefs nicht zur Firmenpolitik passen und er deshalb leider verabschiedet werden muß. Dann folgen in verschiedenen Varianten noch die Anweisungen an die Administratoren, die sich mit Sicherheitsfragen und logistischen Problemen dieser Personalentsorgung befassen. Und selbstverständlich wird auch der Anruf bei der Polizei nicht vergessen. Natürlich hätte die reine Stimmaufzeichnung niemanden befriedigt, doch nun kann man den Geschäftsführer dabei auch sehen. Und wir alle wissen, daß man Video-Mails nicht fälschen kann - oder?


 
b.o.f.h.

© Simon Travaglia, 14.05.1997, Übersetzung: thomas w., 2000.