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| bastard operator from hell | ||
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Der PJ ist nicht mehr er selbst. Aber er muß ja auch einen Schleimer erdulden ...
Manchmal kann ich das Offensichtliche ja ignorieren, doch der PJ zeigt alle Symptone einer sehr tiefen Enttäuschung. Und natürlich beantwortet er Fragen nach deren Ursache nicht. Seine Arbeit leidet merklich darunter - gestern ertappte ich ihn dabei, wie er den Papierschacht in einem Faxgerät neu auffüllte, nachdem ein Nutzer ihn angerufen hatte. Die Protokolldateien mit den Passwortänderungen zeigen, daß er tatsächlich Nutzern geholfen hat, die ihre Passwörter vergessen hatten, indem er sie abänderte zu Worten wie ´temporär´ und ´änderemich´, statt die üblichen ´hirnloseridiot´ oder ´wiekannmannursodummsein´ zu verwenden. Das schlimmste Anzeichen ist, daß er wirklich eine komplette Festplatte aus einer Sicherheitskopie wiederherstellte, nachdem ein Nutzer sie unbeabsichtigt gelöscht hatte. Bei einem ernsthaften Gespräch stelle ich ihn und erfahre so die Wahrheit. Es scheint so, als hätte seine Verwandtschaft in der Firmenleitung ihm einen neu eingestellten Internet-Berater vorgezogen, der so aalglatt ist, daß der Einsatz von Streusand angebracht zu sein scheint. Natürlich habe ich die Zeichen gesehen, doch ich dachte, der PJ hätte mehr Mut, sich den Herausforderungen zu stellen. Nun, es gibt offenbar noch Aufgaben, die den echten Profis vorbehalten bleiben. Natürlich kämpft der PJ mit einem Interessenkonflikt, denn wir wurden von oben aufgefordert, Mr. Schleimer bei der Durchsetzung seiner ´politisch korrekten Richtlinien zur Internet-Nutzung´ zu unterstützen - ein kaum verschleierter Versuch des Chefs, all jene zu bestrafen, die ihre Arbeitszeit dazu nutzen, die geheimsten Porno-Seiten zu finden. Ich versuche die Depression des PJ durch etwas Ablenkung zu lindern ... "Haben sie Lust auf einen Besuch im Labor von Dr. Bastard?" frage ich und enthülle meine neueste Erfindung. "Das ist eine Maus." antwortet der PJ lustlos. "Aber nicht irgendeine Maus", antworte ich. "Es ist eine ferngesteuerte Maus, sehen sie?" Ich spiele mit den Pfeiltasten meines persönlichen Des-Organizers, der über eine Infrarot-Schnittstelle verfügt. Die Maus bewegt sich entsprechend. "Nett", kommentiert der PJ unbeeindruckt. "Und wie wäre es damit?" frage ich und deute auf ein soeben modifiziertes Büro-Utensil. "Ein Aktenkoffer?" "Ja, ja - aber mit einer zusätzlichen Erweiterung", antworte ich. "Bringen sie ihn her." Er nimmt ihn, hat etwas mit dem unerwarteten Gewicht zu kämpfen und kommt zu meinem Tisch. Ein Tastendruck auf meinem Des-Organizer läßt das Schloß aufspringen und ein paar Ziegel herausfallen, die auf den Füßen des PJs landen. Manchmal muß man wirklich grausam sein, um freundlich zu sein. "Warum zum Teufel haben sie das gemacht?" schreit der PJ. "Ausbildung." antworte ich. "Sie litten offensichtlich unter der irrtümlichen Annahme, daß das Leben fair sei. Das ist es nicht. Deshalb handeln befähigte Menschen wie sie und ich so, wie wir es tun." "Ich verstehe sie nicht." Müde erkläre ich es ihm. "Stellen sie sich vor, sie wären ein Internet-Berater, der einen ganzen Tag lang der harten und ermüdenden Arbeit nachging, seinen Bürostuhl zu wärmen. Und nun betreten sie die U-Bahn mit der Aktentasche - voller Hausaufgaben, die sich nur darum drehen, wie sie die Netzwerk-Zentrale verärgern können. Und dann springt die Aktentasche plötzlich auf und verstreut ihren Inhalt auf die Gleise." "Also nimmt er heute die U-Bahn, um nach Hause zu kommen?" erwidert der PJ. "Keine Ahnung. Ich wollte hier nur die Möglichkeiten beschreiben. Und wo ich gerade bei Möglichkeiten bin - ich sehe keine Möglichkeit, daß wir uns vor der Teilnahme an seinem Internet-Bericht am heutigen Nachmittag drücken können." Der PJ, beinahe gerettet, verfällt wieder in Pseudo-Depressionen. Also wird es Zeit für einen Notfallplan, den ich mir eigentlich für eine andere Gelegenheit aufheben wollte. Einen kurzen Besuch im Land der Netzwerkprotokolle später wird der Feueralarm durch eine nicht lokalisierbare Rauchmeldung ausgelöst. Am späten Nachmittag erscheinen wir dann im Beratungszimmer der Firmenleitung, um den Internet-Empfehlungen des Schleimmonsters zu lauschen. Die Anwesenheit seines ehemaligen Verwandten hebt die Stimmung des PJs kaum. Der Schleimer beginnt seine Offensive, indem er den ´besorgten mordernen Mann´ spielt, der überall Gefahren wittert, während er gleichzeitig die Bedeutung der ´unvoreingenommenen Netzwerk-Menschen´ herunterspielt, die ich in den vielen Jahren als Eckpfeiler meines Wirkens betrachtet habe. Innerhalb weniger Minuten hat er die Zuhörer soweit, daß sie ihm aus der Hand fressen, als er seinen Plan für ein isoliertes Netzwerk darlegt, während sein Laptop ein Diagramm nach dem anderen liefert, um seine Intranet-Ideen zu untermauern. Der Chef grinst zufrieden, da sich die Dinge nach seinen Vorstellungen entwickeln. "Ich denke, sie wissen was zu tun ist." flüstere ich dem PJ zu. Er blickt ungerührt auf meinen Des-Organizer, den ich zu ihm schiebe. "Vielleicht findet sich etwas auf seiner Festplatte?" ermutige ich ihn. Tief in ihm drin erwachen seine Lebensgeister, schöpfen neuen Mut und kämpfen gegen die Depressionen. Eine halbe Stunde später schlucke ich mit dem PJ ein Bier, der seiner Verwandtschaft schon vergeben und die Bevorzugung des anderen vergessen hat. Der Schock und das Entsetzen, das auf die Anzeige einiger Aufnahmen aus der Damentoilette folgte, hat die Glaubwürdigkeit unseres Internet-Beraters nicht gerade erhöht - und seinen raketengleichen Abgang erfolgreich beschleunigt. Aber es diente einer guten Sache. "Noch ein Bier?" will der PJ wissen. "Nun, ich habe noch etwas vor. Ich muß dem Chef noch die Gefahren aufzeigen, die davon ausgehen, daß er seine Schlüssel blind einer Aktentasche anvertraute, die ihm anonym zugespielt wurde." Wie sagt man so schön, das eigene Erleben ist der beste Lehrmeister ... |
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© Simon Travaglia, 21.05.1997, Übersetzung: thomas w., 2000. |
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